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Von Nobel bis Krupp: Was berühmte Testamente über kluges Vererben lehren

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Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2026

Gösta Florman / The Royal Library, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Über Testamente wird selten öffentlich gesprochen – sie gelten als private Angelegenheit. Doch manchmal dringt ein letzter Wille an die Öffentlichkeit und offenbart Geschichten über Familienkonflikte, geniale Voraussicht oder schlichte Nachlässigkeit. Die folgenden berühmten Testamente sind nicht nur unterhaltsam – sie illustrieren Prinzipien, die auch für Ihr eigenes Testament gelten.

Alfred Nobel: Der Stifter wider seine Familie

Am 27. November 1895 setzte der schwedische Industrielle und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel sein Testament auf – handschriftlich, in Paris, ohne juristischen Beistand. Es bestand aus einer einzigen Seite.

Der Inhalt war eine Sensation: Nobel vermachte den Großteil seines gewaltigen Vermögens (rund 31 Millionen schwedische Kronen, nach heutigem Wert über 200 Millionen Euro) einer zu gründenden Stiftung. Die Erträge sollten jährlich als Preise vergeben werden an Personen, die „der Menschheit den größten Nutzen erbracht" haben – in den Kategorien Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden.

Nobels Familie war entsetzt. Seine Neffen und Nichten fochten das Testament an. Sie argumentierten unter anderem, das Testament sei formungültig – Nobel war schwedischer Staatsbürger, lebte aber in Paris, und es war unklar, welches nationale Recht galt. Zudem sei es viel zu vage formuliert: Wer sollte die Preisträger auswählen? Was genau bedeutete „der Menschheit den größten Nutzen"?

Der Rechtsstreit dauerte bis 1900. Am Ende setzten sich Nobels Testamentsvollstrecker – allen voran der junge Ingenieur Ragnar Sohlman – durch. Die Nobelstiftung wurde gegründet, die ersten Preise 1901 verliehen.

Die Lektion für Ihr Testament: Wer etwas Ungewöhnliches mit seinem Vermögen vorhat, muss besonders sorgfältig formulieren. Nobel hatte Glück, dass seine Testamentsvollstrecker entschlossen kämpften. Ein Behindertentestament ist aus Sicht mancher Erben ebenfalls „ungewöhnlich" – deshalb muss es juristisch wasserdicht sein. Und: Bestimmen Sie immer einen kompetenten, loyalen Testamentsvollstrecker.

William Shakespeare: Das zweitbeste Bett

Am 25. März 1616 unterzeichnete William Shakespeare sein Testament – wenige Wochen vor seinem Tod am 23. April 1616. Das Dokument ist in den National Archives in London erhalten und kann dort eingesehen werden.

Die meisten Verfügungen sind unspektakulär: Grundstücke an seine Tochter Susanna, Geld an seine Schwester Joan, Erinnerungsstücke an Freunde und Schauspielerkollegen. Doch ein Detail beschäftigt Literaturhistoriker seit über 400 Jahren: Shakespeare hinterließ seiner Frau Anne Hathaway sein „second best bed" – sein zweitbestes Bett.

War das eine Kränkung? Ein letzter Seitenhieb gegen eine unglückliche Ehe?

Historiker sind sich heute weitgehend einig: Das „best bed" war das Gästebett – repräsentativ und wertvoll, aber unpersönlich. Das „second best bed" war das Ehebett – das Bett, das die beiden geteilt hatten. Zudem war Anne nach dem damaligen englischen Recht als Witwe ohnehin versorgt: Sie hatte Anspruch auf ein Drittel des gesamten Nachlasses (das sogenannte dower right). Das Bett war ein persönliches Vermächtnis, kein Affront.

Die Lektion für Ihr Testament: Unklare Formulierungen führen zu jahrhundertelangen Diskussionen. Was Shakespeare mit dem zweitbesten Bett meinte, werden wir nie sicher wissen. In einem Behindertentestament muss jede Klausel eindeutig sein – nicht weil Literaturhistoriker sie analysieren werden, sondern weil ein Sozialhilfeträger jede Unklarheit ausnutzen wird.

Alfried Krupp: Der mächtigste Testamentsvollstrecker

Als Alfried Krupp von Bohlen und Halbach 1967 starb, hinterließ er ein Testament, das ein Industrie-Imperium umgestaltete. Sein gesamtes Vermögen – der Krupp-Konzern mit zehntausenden Mitarbeitern – sollte in eine gemeinnützige Stiftung überführt werden. Zum Testamentsvollstrecker bestimmte er Berthold Beitz.

Beitz verwaltete dieses Erbe 46 Jahre lang – bis zu seinem eigenen Tod 2013. Er leitete die Überführung des Konzerns in eine Aktiengesellschaft, steuerte die Fusion mit Thyssen und wachte über die Stiftung, die bis heute größte Einzelaktionärin von ThyssenKrupp ist.

Doch das Krupp-Testament birgt auch eine Warnung. Eine Klausel wurde handschriftlich gestrichen, allerdings ohne die rechtlich empfohlene Paraphe (Namenskürzel) neben der Streichung. Diese fehlende Unterschrift wurde zum Ausgangspunkt für Rechtsstreitigkeiten mit der Familie.

Die Lektion für Ihr Testament: Die Wahl des Testamentsvollstreckers ist eine Schicksalsentscheidung. Krupp wählte mit Beitz einen Mann von außergewöhnlicher Kompetenz und Loyalität. Im Behindertentestament brauchen Sie keinen Industriemanager – aber Sie brauchen jemanden, der Ihr Vertrauen verdient und bereit ist, diese Verantwortung über Jahrzehnte zu tragen. Und: Jede Änderung am Testament muss korrekt gekennzeichnet werden – mit Datum, Unterschrift und gegebenenfalls Paraphe.

Heinrich Heine: Humor bis zum Schluss

Dem Dichter Heinrich Heine, der 1856 in Paris starb, wird eine berühmte testamentarische Verfügung zugeschrieben: Er habe seiner Frau Mathilde alles vermacht – „unter der einzigen Bedingung, dass sie sich wieder verheirate, damit es wenigstens einen Menschen auf der Welt gibt, der meinen Tod aufrichtig bedauert."

Ob Heine diese Formulierung tatsächlich so in seinem Testament verwendet hat, ist unter Literaturhistorikern umstritten – das Zitat kursiert in verschiedenen Varianten. Gesichert ist: Er setzte seine Frau Mathilde als Haupterbin ein und bestimmte Verwaltungsanordnungen für Zahlungen an weitere Verwandte.

Die Lektion für Ihr Testament: Bedingungen in Testamenten können problematisch sein. Im deutschen Erbrecht sind sittenwidrige oder schikanöse Bedingungen nach § 138 BGB unwirksam. Im Behindertentestament hingegen ist eine bestimmte Art von Bedingung geradezu erwünscht: die Verwaltungsanweisungen an den Testamentsvollstrecker, die genau regeln, wie Zuwendungen an das behinderte Kind erfolgen sollen – und was der TV nicht tun darf.

Karl Marx: Wer kein Testament macht ...

Der Philosoph Karl Marx starb am 14. März 1883 in London – ohne Testament. Die Folge: Sein (ohnehin bescheidener) Nachlass wurde nach den Regeln der gesetzlichen Erbfolge verteilt. Die Verteilung seines geistigen Erbes – seiner unveröffentlichten Manuskripte und Briefe – wurde allerdings zum jahrzehntelangen Streitthema zwischen den Erben und Friedrich Engels, dem Marx viele Schriften anvertraut hatte.

Die Lektion für Ihr Testament: Kein Testament ist das schlechteste Testament. Bei Familien mit einem behinderten Angehörigen führt die gesetzliche Erbfolge dazu, dass das behinderte Kind seinen gesetzlichen Erbteil erhält – und das Sozialamt diesen einzieht. Ein Behindertentestament ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.

Fünf Lektionen für Ihr Testament

So unterschiedlich diese Testamente sind – sie illustrieren fünf Grundprinzipien, die auch für das Behindertentestament gelten:

1. Formfehler können alles zerstören. Nobel, Krupp, Shakespeare – bei allen gab oder gibt es Streit um formale Aspekte. Lassen Sie Ihr Testament stets fachlich prüfen.

2. Der Testamentsvollstrecker ist entscheidend. Krupps Wahl von Beitz zeigt: Ein guter TV kann ein Lebenswerk sichern. Ein schlechter – oder keiner – kann es zerstören.

3. Formulieren Sie eindeutig. Shakespeares „zweitbestes Bett" wird seit 400 Jahren diskutiert. In einem Behindertentestament darf es keine Zweideutigkeiten geben.

4. Ungewöhnliches erfordert besondere Sorgfalt. Nobel wollte etwas, das niemand zuvor getan hatte. Beim Behindertentestament ist es ähnlich: Die Konstruktion aus Vor-/Nacherbschaft und Testamentsvollstreckung ist komplex und muss präzise umgesetzt werden.

5. Ohne Testament entscheidet das Gesetz. Und das Gesetz kennt keine Rücksicht auf besondere Lebensumstände. Marx' Erben stritten über Manuskripte. Bei einem behinderten Kind geht es um seine Existenz.

Weiterführende Links (5)
Alfred Nobel (Wikipedia)Biografie mit ausführlicher Darstellung des Testaments von 1895 und des Rechtsstreits mit der Familie.
wikipedia.org
Shakespeares Testament (Wikipedia)Detaillierte Analyse des Testaments von 1616 – einschließlich der Debatte um das 'zweitbeste Bett'.
wikipedia.org
Krupp-Stiftung: HistorieGeschichte der Stiftungsgründung durch das Krupp-Testament und der Rolle von Berthold Beitz.
krupp-stiftung.de
§ 138 BGB – Sittenwidriges RechtsgeschäftMaßstab für die Gültigkeit testamentarischer Bedingungen – relevant bei Heines angeblicher Wiederheirats-Klausel.
dejure.org
§ 2247 BGB – Eigenhändiges TestamentFormvorschriften für handschriftliche Testamente – die Grundlage, an der sich Nobel und Krupp messen lassen müssen.
dejure.org

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